Im Interview mit TRIA-Online spricht Logistiksoftware-Experte Falko Rotter über die Herausforderungen im (Online-) Handel und verrät, wie es gelingt, ihnen zeitgemäß zu begegnen.

Der Boom bei mobilen Endgeräten und Internetzugängen sowie die Einfachheit und Bequemlichkeit des Online-Shoppings sorgen dafür, dass der E-Commerce seit Jahren an Bedeutung gewinnt. Zwar wurden auf diesem Wege im vergangenen Jahr allein in Deutschland rund 36 Milliarden Euro umgesetzt, jedoch hält dieser Trend für Händler auch eine ganze Reihe an Herausforderungen  bereit. Herr Rotter, um welche Herausforderungen handelt es sich hierbei und worin sehen Sie deren Ursache?

Falko Rotter: „Der Handel sieht sich nicht nur einer zunehmenden Globalisierung sondern gleichwohl einem sich wandelndem Absatzverhalten gegenüber: Die Produktsortimente mit ihrer stetig steigenden Vielfalt einerseits und ihren immer kürzeren Lebenszyklen andererseits werden weltweit entwickelt, produziert, vertrieben und – wie Sie bereits erwähnten – verstärkt über den E-Commerce bezogen. Zudem werden stetig steigende Kundenerwartungen an eine noch schnellere, zeitgenauere und kostengünstigere Belieferung verzeichnet.

Welche neuen Rahmenbedingungen sich hieraus für Händler ergeben? Allen voran eine  höhere Anzahl an Aufträgen bei gleichzeitig sinkender Auftragsgröße sowie eine geringere Bestandstiefe pro Produkt. Zudem sehe ich in der Verkürzung von Lieferzeiten  und der Internationalisierung von Warenströmen eine sich ergebende und auf Dauer nicht zu vernachlässigende Herausforderung.“

Was ist Ihrer Meinung nach ein geeigneter Ansatzpunkt, um auf diese Entwicklungen zu reagieren?

Falko Rotter: „Ihnen kann insbesondere mit einem Ausbau der Logistik zur Kernkompetenz begegnet werden, d. h. Anbieter und Dienstleister benötigen neben einem leistungsfähigen Warenwirtschaftssystem eine hocheffiziente Intralogistik. Es gilt demnach, auf Systeme zu setzen, die dem soeben beschriebenem Wandel nicht nur begegnen, sondern diesen vielmehr noch unterstützen und Händlern damit die Möglichkeit einräumen, sich wieder verstärkt auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren.“

Wie sieht ein solches System aus, Herr Rotter?

Falko Rotter: „Mit herkömmlichen Lagerverwaltungssystemen (LVS), also jenen mit vorgelagertem Hostsystem und getrennten Materialfluss-, Versand- und Zollabwicklungssystemen, sind die aktuellen Anforderungen kaum beherrschbar. Vielmehr noch ist mit ihnen die Anpassung an kundenindividuelle Logistikprozesse nur schwer umsetzbar oder allenfalls mit einem deutlich erhöhtem Aufwand verbunden. Wenn die Anforderungen steigen und die Prozesse komplexer werden, sind daher flexible und innovative Logistiklösungen  gefragt. Solche modernen LVS vereinen die einst voneinander getrennten Komponenten in einer integrierten Lösung, was nicht nur zum Wegfall dazwischen liegender Schnittstellen führt, sondern auch zu einem System, welches funktional weit über die klassische Kernaufgabe hinausgeht. Trotz der funktionalen Erweiterungen sind moderne LVS – bedingt durch ihren modularen Ansatz – meist schlank und mit anderen Unternehmensanwendungen und Kommunikationspartnern integrierbar. Kurzum: In jeglicher Hinsicht ist ein Trend zur Flexibilität, Automatisierung und Geschwindigkeit erkennbar.“

Und welche Aufgaben kann ein solches System – zur Gestaltung optimaler Logistikprozesse – beispielsweise übernehmen?

Falko Rotter: „Die Palette an Bausteinen ist riesig und reicht von dynamischen Einlagerungs-, Nachschub- und Entnahmestrategien über mobiles, systemgestütztes Arbeiten mit MDE (mobile Datenerfassung), Pick-To-Light, Pick-By-Voice/Pick-By-Vision bis hin zur Qualitätssicherung mittels durchgängigen Identifizierungstechniken (Barcode, RFID). Zudem sind Multi-Order-Picking mit optimierten Auftragszusammenstellungen und Laufwegen, chaotische Lagerung zur Erhöhung der Lagerdichte sowie eine flexible Auftragssteuerung durch beleglose Nachschub- und Kommissionierprozesse zentrale Beispiele.“

Was würden Sie (Online)-Händlern also abschließend raten?

Falko Rotter: „Ich würde ihnen den Ratschlag mit auf den Weg geben, die Logistik – gerade im Bereich des E-Commerce – als einen äußerst wichtigen und damit nicht zu vernachlässigenden Teil der Wertschöpfungskette zu begreifen, da dieser durchaus in der Lage ist, maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg einer Unternehmung zu entscheiden. Häufig entfällt nämlich beispielsweise ein großer Anteil der negativen Beiträge in öffentlichen Bewertungsportalen auf Qualitätsmängel in der Lieferung oder ein schlechtes Retourenmanagement, welche mit effizienten Logistiklösungen definitiv vermeidbar gewesen wären.

Falko Rotter ist Gründer und Geschäftsführer der auf die Entwicklung maßgeschneiderter Logistiksoftware spezialisierten EXOR PRO GmbH. Nach seinem Studium der Wirtschaftsinformatik an der TU Ilmenau wagte er vor nunmehr fast 15 Jahren den entscheidenden Schritt in die Selbstständigkeit. Durch  seine langjährige Tätigkeit in den Bereichen Lagerverwaltung und -steuerung sowie Versand- und Transportlogistik verfügt er über ein fundiertes Fachwissen und umfangreiche Erfahrung bei der erfolgreichen Realisierung komplexer Logistiksysteme.

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